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Aus der Presse
"Zeppelphilipp unter Drogen"
Von KRISTINA BRÄUTIGAM
Kassel. Unruhig rutscht Niklas auf dem Stuhl hin und her. Sein Blick wandert aus dem Fenster, der angeknabberte Bleistift zum Mund. Die Lehrerin will, dass er still sitzt. Nicht die erste Ermahnung an diesem Tag – und nicht die letzte. Die einen nennen Kinder wie Niklas „aufgeweckt“, andere psychisch gestört. Der kleine Wirbelwind wird zum Problemkind. Diagnose: ADHS, Aufmerksamkeitsdefizit-/HyperaktivitätsSyndrom.
Laut einer aktuellen Forsa-Umfrage der Techniker Krankenkasse sind sechs Prozent der Eltern in Hessen, Rheinland-Pfalz und im Saarland der Meinung, dass ihr Kind an der starken Aufmerksamkeitsstörung leidet. Mit fatalen Folgen für die Kinder: Immer mehr vermeintlich auffällige Kinder bekommen Psychopharmaka. Methylphenidat, besser bekannt als Ritalin, heißt das Wundermittel, das aus dem Zappelphilipp ein ruhiges Kind machen soll.
Auffällig im Kindergarten, Problemkind in der Schule
„In den letzten drei Jahren hat das Arzneimittelvolumen um über 30 Prozent zugenommen“, erklärt Denise Jacoby, Sprecherin der TK in Hessen. Mehr als jedes zehnte Kind habe im vergangenen Jahr ein solches Präparat bekommen. Werden unbequeme Verhaltensweisen von Kindern zur Krankheit erklärt und durch Medikamente bekämpft?
„Sowohl bei der Diagnose ADHS als auch bei der Therapie bedarf es einer ausführlichen Voruntersuchung“, erklärt Edyta Rebizant, Inhaberin der Pädagogisch Therapeuthischen Einrichtung (PTE) Kassel. Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität, die vor dem sechsten Lebensjahr auftreten, gelten als typische Symptome für ADHS. Erste Auffälligkeiten zeigen sich im Kindergarten, spätestens in der Schule wird das Verhalten zum Problem. „Die Kinder können sich nur schwer konzentrieren, nicht still sitzen und sind oft der Klassenclown“, erklärt die Lerntherapeutin.
Unbehandelt haben ADHSler lebenslange Probleme
Zu den schulischen kommen soziale Probleme. Rebizant: „Viele ADHSler sind unbeliebt, ihr Verhalten pendelt zwischen impulsiv bis agressiv.“ Bleibt ADHS unbehandelt, hat das Folgen für das ganze Leben: Bis zu 35 Prozent haben keinen Abschluss und einen niedrigen beruflichen Status, das Suchtrisiko ist erhöht. Eine frühzeitige Therapie kann das verhindern. In der PTE machen die Betroffenen einen Belastungstest, der sich aus Begabungsdiagnostik und Konzentrationstest zusammensetzt.
Während der Therapie, die durchschnittlich 15 bis 18 Monate dauert, sprechen die Lerntherapeutinnen regelmäßig mit Lehrern und Eltern. Denn die sind Ursache und Schlüssel zugleich. Rebizant: „Wenn die Eltern hektisch sind und von Termin zu Termin hetzen, überträgt sich das auf die Kinder.“ Manchmal reichten schon Regelmäßigkeit und Konsequenz als Wundermittel.
Bittere Pille Dr. Matthias Demuth: Schwerer Schritt für Eltern
Kassel. ADHS ist eine komplexe Störung und kann nicht mit einer einzigen Untersuchung festgestellt werden. Deshalb arbeitet die PTE eng mit anderen Fachleuten zusammen. Die Entscheidung, ob Medikamente nötig sind, wird in enger Absprache mit einem Arzt getroffen. Dieser verordnet und überwacht die Behandlung. Ansprechpartner der PTE Kassel ist Kinderarzt und ADHS-Coach Dr. Matthias Demuth.
Nach seiner Schätzung leiden fünf bis acht Prozent der Schulkinder an ADHS. Das Problem sei die Diagnose. „Es ist nicht wie mit Windpocken, die man hat oder nicht“, erklärt der Mediziner. Einige Kinder seien leicht, andere sehr schwer betroffen. Der Übergang sei oft fließend.
Die Entscheidung für eine medikamentöse Behandlung treffen immer die Eltern. „Ich überrede niemanden sondern biete lediglich die Möglichkeit an.“ Nicht jedes ADHS-Kind müsse Medikamente einnehmen. Oft könnten mit gezielter Therapie und Elternschulungen gute Erfolge erzielt werden. „Wenn ein Kind extrem leidet, sollte man die Möglichkeit aber nutzen“, so Demuth. Das sei etwa der Fall, wenn ein intelligentes Kind aufgrund der ADHS-Erkrankung in eine Sonderschule abzurutschen droht.
Von einem leichtfertigen Umgang mit den Psychopillen will der Kinderarzt nichts wissen. Im Gegenteil: „Die meisten Eltern sträuben sich dagegen. Seinem Kind diese Medikamente zu geben, ist für Eltern oft ein sehr schwerer Schritt.“
Aus dem Archiv der ExtraTip Mediengruppe vom 17.02.2010 www.extratip.de/index.php.

